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QB 03/2022 – „Wir brauchen ein modernes Zuwanderungsrecht für Fach- und Arbeitskräfte“

Manfred Todtenhausen, Bundestagsabgeordneter aus Wuppertal, Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie Handwerkspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, spricht mit uns im exklusiven Interview über die aktuellen Herausforderungen für den Mittelstand sowie die Rolle von Kreditplattformen.

VdK: Sehr geehrter Herr Todtenhausen, der deutsche Mittelstand macht viel durch: Erst die Corona-Pandemie und jetzt auch noch der Überfall Russlands auf die Ukraine. Immer wieder raunen sogenannte Experten von einer Insolvenzwelle. Wie geht es denn aktuell den Unternehmen in Ihrem Wahlkreis Wuppertal?

Manfred Todtenhausen: Erst die Corona-Pandemie, jetzt die breite Inflation. Und die weiter vorherrschenden Sorgen um den Ukraine-Krieg und die damit verbundenen Fragen nach Energieversorgung und –sicherheit lassen sicher nicht nur die Verbraucherstimmung auf einen Tiefstand fallen, sondern zehren auch an den Nerven vieler Chefs von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Da ist Wuppertal keine Insel, sondern hier wird versucht, Lösungen und Strategien für die Zeit im Herbst und Winter zu entwickeln.

VdK: Viele unserer Mitglieder beklagen Schwierigkeiten bei der Besetzung von Stellen für Hochqualifizierte. Besonders gilt das für den IT-Bereich. Hier könnte es deshalb schneller und einfacher gehen mit Fachkräften aus dem Ausland. Das klappt aber nicht so gut. Für digitale Geschäftsmodelle ist das ein Wachstumshemmnis. Mit Problemen hat aber auch das Handwerk zu kämpfen. Als Familienunternehmer haben Sie hier Erfahrungen aus erster Hand. Wie erleben Sie persönlich diese Schwierigkeiten, und was hören Sie hierzu von anderen Unternehmen in Wuppertal?

Manfred Todtenhausen: Wir erleben ja derzeit nicht nur kilometerlange Schlangen auf Flughäfen oder Restaurants und Geschäfte, die nicht mehr durchgehend geöffnet haben, sondern auch Wartezeiten auf Handwerker von drei Monaten und mehr. Der Zentralverband des Handwerks geht von 250.000 fehlenden Handwerkerinnen und Handwerkern aus. Alleine im Bereich Klima-Wärme-Sanitärtechnik fehlen nach Angaben der Verbände bis zu 60.000 Fachkräfte, um die Klimawende umzusetzen. Das ist auch meine Erfahrung im persönlichen Umfeld. Und das braucht eine konzertierte Aktion für die Zukunft, sprich die Ampel-Koalition treibt ein modernes Zuwanderungsrecht gerade auch für Fach- und Arbeitskräfte sowie zukünftige Auszubildende voran. Hier haben wir Freien Demokraten eine genaue Vorstellung und ein Vorbild: das Punktesystem in Kanada, das in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gut funktioniert.

VdK: Welche Rahmenbedingungen müssten also aus Ihrer Sicht für Unternehmen in der laufenden Legislaturperiode verbessert werden?

Manfred Todtenhausen: Ganz klar die Deckung des Fachkräftebedarfs durch mehr berufliche Aus- und Weiterbildung, der Abbau von bürokratischen Hemmnissen sowie die Versorgung und Bezahlbarkeit mit Energie und Rohstoffen, die Lösung der Lieferkettenproblematik auch durch Freihandelsabkommen sowie die Reform der sozialen Sicherungssysteme und deren Bezahlbarkeit.

VdK: Und wie bewerten Sie die aktuelle Situation speziell im Bereich der Unternehmensfinanzierung?

Manfred Todtenhausen: Insgesamt ist die Unternehmensfinanzierung derzeit nicht das primäre Problem, es gibt keine Kreditklemme. Aber die Ankündigung der Erhöhung der Leitzinsen wirft schon ihre Schatten voraus, da könnte etwas auf uns zukommen, was gesamtstaatlich dann zu lösen ist. Die Bundesregierung hat das auf dem Schirm.

VdK: Corona hat den Trend zur Hausbank noch einmal verstärkt, da die Hilfskredite der KfW nur über die Hausbanken zugänglich gemacht wurden. Die Kreditplattformen hat die deutsche Politik nicht einbinden wollen. In den USA, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden oder Spanien beispielsweise ist man da ja schon längst weiter. Wie stehen Sie zum Hausbankenprinzip?

Manfred Todtenhausen: Aus eigener Erfahrung stehe ich zum Hausbankenprinzip, weil ich der Meinung bin, dass es einen persönlichen Ansprechpartner in Finanz- und Kreditfragen braucht. Gleichzeitig sehe ich allerdings bei jungen Firmen wie auch im internationalen Business durchaus die Möglichkeit, dass hier der digitale Wettbewerb unter Einhaltung aller Rechtsvorschriften weiter ausgebaut werden kann.

VdK: Stichwort Basel IV. Aktuell sieht es bei den Beratungen in Brüssel ja so aus, dass die Banken den ungerateten Unternehmenskredit früher oder später mit mehr Eigenkapital werden unterlegen müssen. Das Thema dürfte den Großteil der handwerklichen Betriebe in Ihrem Wahlkreis etwas angehen, denn über ein externes Rating verfügen wohl die meisten nicht. Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund die zukünftige Rolle von Hausbanken und Kreditmarktplätzen, über die das Kapital privater und institutioneller Investoren vermittelt wird?

Manfred Todtenhausen: Die Finanzkrise des vorletzten Jahrzehnts hat uns vor Augen geführt, wie anfällig der Kreditmarkt auch für Übertreibungen war. Insofern ist hier eine Schutzfunktion eingebaut worden, um Sicherheit zu gewährleisten und keine Auswüchse mehr zuzulassen. Viele Hausbanken sorgen mit ihrer Expertise gerade im Mittelstand dazu, dass es eine gesicherte Liquidität gibt. Deswegen müssen wir aufpassen, dass die Vorschriften nicht zu eng gefasst werden und der deutsche Mittelstand weiter flüssig für Zukunftsinvestitionen im wahrsten Sinne bleibt.

VdK: Eine weitere Herausforderung für die Finanzierung, die sich in diesem Fall am klimapolitischen Horizont abzeichnet, ist die Umsetzung des Green Deal. Wie schätzen Sie diese Herausforderung ein?

Manfred Todtenhausen: Beim Klimaschutzplan „Fit für 55“, den „Green Deal“ der EU, ist das Handwerk für die Erreichung der Klimaschutzziele ein ganz wichtiger Faktor. Gemeinsam müssen wir aber darauf achten, dass Marktwirtschaft und private Investitionen die Treiber beim Klimaschutz sind und nicht Subventionen und staatliche Steuerung. Dafür setzen wir Freien Demokraten uns ein, es geht nur zusammen mit den Betrieben und Investoren. Dafür müssen wir das richtige Umfeld in diesem Jahrzehnt schaffen.

VdK: Dürfen wir Sie zum Schluss fragen, ob Sie selbst schon einmal über eine Kreditplattform Ihr Geld investiert oder sich eine Finanzierung verschafft haben?

Manfred Todtenhausen: Nein, das habe ich bisher noch nicht. Da bin ich klassisch konservativ wie die meisten meiner Handwerkskollegen in Wuppertal, mit denen ich fast wöchentlich im Kontakt bin.

VdK: Was hat sie davon abgehalten?

Manfred Todtenhausen: Ich schätze das Hausbankenprinzip weiterhin und habe persönlich gute Erfahrungen gemacht. Als Neugründer würde ich heute sicher auch andere Anbieter einmal ausprobieren, aber das brauche ich jetzt nicht mehr.

VdK: Würden Sie es aber vielleicht nicht doch wenigstens einmal ausprobieren?

Manfred Todtenhausen: Persönlich wie gesagt nicht, aber ich bin gespannt auf Berichte aus diesem Bereich und werde Jungunternehmerinnen und –unternehmer dazu befragen.

VdK: Sehr geehrter Herr Todtenhausen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das vollständige Interview als PDF finden Sie hier.